Weg von der digitalen Schärfe, hin zur gemalten Unschärfe. Die Lichtmalerei als neuer Bereich der fotografischen Kunst.

Der Begriff „Fotografie“ leitet sich ursprünglich aus dem Griechischen ab: phos – das Licht und graphein – malen. Die Fotografie ist demnach nichts anderes als eine Art, mit Licht zu malen, eine Lichtmalerei.

In ihren Gründertagen prägte die Fotografie tatsächlich noch die Anlehnung an die Malerei. Bedingt durch lange Verschlusszeiten, geringe Fokussiermöglichkeiten und Bewegungsunschärfe, die den Abbildern eine malerische Anmutung gaben.

In den letzten hundert Jahren hingegen entfernte sich die Fotografie davon und wurde eine immer exaktere Technik zur möglichst realistischen Abbildung von Objekten. Der Pixelrausch in manchen Bereichen der digitalen Fotografie ist nur ein Ausdruck dieser Technisierung. Dessen ungeachtet entwickelte sich aber parallel dazu die Fotografie auch zu einer eigenständigen und anerkannten Kunstform.

Denn was ist eigentlich der Kern der Fotografie, das Bestreben der Fotografen? Im Endeffekt nimmt jeder Fotograf für sich in Anspruch, eine real existierende Situation darstellen und gleichzeitig interpretieren zu wollen. Mit dem gezielten Einsatz von  Licht &, Schatten, Schärfe & Unschärfe, Schnitt & Bildkomposition soll die angestrebte Bildaussage dem Betrachter vermittelt werden. Die Perspektive des Fotografen wird zugleich zur Perspektive des Betrachters.

Nun haben gerade der Boom digitaler Kompaktkameras und die Visualisierung der Medien zu einer gefühlten Schwemme an technisch einwandfreien überschärften Bildern geführt. Nehmen wir diese emotional überhaupt noch wahr? Darüber lässt sich streiten. Viele Top-Fotografen begegnen diesem Trend inzwischen durch neue kompositorische Elemente der Bildgestaltung und Lichtführung, bewussten Übertreibungen oder einer Reduktion der Bildinhalte.

Emotionalisierung der Fotografie.

Einen anderen Kontrapunkt zur digitalen Exaktheit stellt für mich die Technik der Lichtmalerei dar. Durch den bewussten Einsatz von Unschärfe und Bewegung während der Aufnahme wird eine Fotografie zu einer Malerei, zu einem nicht-realen Abbild.

Betrachtet man eine Lichtmalerei mit genügend räumlichen Abstand, so ist nicht zwingend zu unterscheiden, ob es sich bei dem Bild um eine Fotografie oder eine impressionistische Malerei handelt. In der Natur bestehende Strukturen werden interpretiert, verstärkt, mit der vorhandenen Lichtstimmung modelliert und verwaschen. Damit kann das wesentliche Merkmal des abgebildeten Objekts zum Vorschein kommen.

Nehmen wir eine Baumgruppe aus dem englischen Garten in München als Beispiel:

https://www.caratartclub.com/lichtmalerei-zurueck-zur-unschaerfe-fotografie/englischer-garten/ ENGLISCHER GARTEN, 2010 (C) TOM ZILKER

Ich sehe deutlich den Frühling, Gänseblümchen sprießen auf der Wiese, das Licht sucht sich seinen Weg durch die Blätter der Kronen, die gehalten und gestützt werden von drei mehr oder weniger starken Stämmen. In der Malerei könnte ein solches Bild durchaus in der Tradition des Impressionismus und der Bildsprache eines Claude Monet im Sinne der Plein Air verstanden werden.

Der Versuch, das Licht und seine stets unterschiedliche Wirkung auf Objekte, Farben, Kontraste und Atmosphäre festzuhalten, ist das klassische Sujet des Impressionismus. Die Lichtmalerei schließt sich dem an.

Rein technisch gesehen entsteht ein solches Bild nicht als zufällig verwackelter Schnappschuss. Die durch einen Graufilter verlängerten Belichtungszeiten werden durch die Bewegung der Kamera, des Fotografen und der Objekte genutzt, um das Bild in der gewünschten Weise zu modellieren. Ein Prozess, der auch längere Zeit in Anspruch nehmen kann und den Fotografen dazu herausfordert, sich intensiv mit dem Objekt auseinanderzusetzen.

ENGLISCHER GARTEN II und III, 2010 , (c) TOM ZILKER

Nehmen wir als weiteres Beispiel die BMW Welt in München. Dank ihrer besonderen Architektur gewiss ein Objekt, das bereits tausendfach auf Film und digitale Speicherchips gebannt wurde. Beim ersten Betrachten eines solchen Bildes mag der Betrachter noch fasziniert sein. Nach 20 ähnlichen Bildern in unterschiedlichsten Varianten flacht diese Faszination schnell ab. Und damit auch die Wirkung dieses architektonischen Meisterwerks.

Mit der Technik der Lichtmalerei gelingt es mir als Fotograf aber, das Wesen des Objektes wieder neu zum Vorschein zu bringen: die Flächen, die geometrischen Strukturen in der Fassade, die Licht und Schatteneffekte der späten Nachmittagssonne, die durch den Architekten beabsichtigte Gesamtwirkung.

BMW WELT I, II und III, 2010, (c) TOM ZILKER

Jeder Betrachter kann sich selbst ein Bild davon machen, als Fotograf gebe ich keine Interpretation vor. Und genau das ist das für mich Faszinierende an der Lichtmalerei. Es bleibt Raum für Interpretationen. Meine Perspektive, mein Blickwinkel, muss nicht zwangsläufig auch der des Betrachters sein.

Eine aus meiner Sicht interessante Entwicklung, die weiter betrachtet werden sollte. Ich empfehle hierzu auch die Seiten von Jürgen Wassmuth, BFF, von dem ich vieles zur Lichtmalerei lernen konnte.

Selbstverständlich existieren neben der Lichtmalerei auch noch andere künstlerische Stilrichtungen mit einer ähnlichen Zielsetzung oder Technik. Hier eine kleine unvollständige Auswahl verwandter Themen:

  • künstlerische Fotomontage, Digital Art & Composing – die Erschaffung neuer Welten aus einer Collage realer Fotografien am Computer
  • Lightpainting – Licht abgestrahlt von Neonbeleuchtungen, Tablet-PCs, Smartphones oder Taschenlampen wird als Pinsel verwendet, um nicht existierende Objekte in ein Bild zu zaubern. Oder das beachtenswerte Projekt von Dentsu London. Eine Technik, die auch die Aufmerksamkeit von Pablo Picasso weckte.
  • Blendenflecke (Lens Flares) und Streiflicht der Sonne werden in der Werbefotografie wieder bewusst zum gestalterischen Mittel um Bildern einen wärmeren, natürlicheren Ton zu geben (z.B. aktuelle Kampagnen von  Stefanel oder Gucci)
  • Tilt-Shift-Effekte durchbrechen die gewohnte Seherwartung der Betrachter mit verlagerten Schärfebereichen.

[Danke an Tom Zilker für diesen tollen Gast-Artikel!]